Wien (OTS) – Die in den 1970er- und 1980er-Jahren aktive Kommune des
österreichischen Aktionskünstlers Otto Mühl (1925–2013) wird häufig
als „Sekte“ bezeichnet, weil sie zahlreiche Merkmale einer
hochkontrollierenden Gemeinschaft aufwies. Eine Fachtagung der
Bundesstelle für Sektenfragen beleuchtet – nicht zuletzt ausgelöst
durch aktuelle Kunstausstellungen – Mechanismen von Manipulation und
Machtmissbrauch ebenso wie die gesellschaftlichen Strukturen, die
diese ermöglicht und begünstigt haben. Die anhaltende Debatte
verdeutlicht die gesellschaftliche Verantwortung, erlittenes Unrecht
anzuerkennen und den Perspektiven der Betroffenen angemessen Rechnung
zu tragen.
Was als gesellschaftliches Experiment zur Befreiung von
traditionellen Normen und Zwängen begann, entwickelte sich zunehmend
zu einem autoritären System mit einer streng hierarchischen Struktur
und einem ausgeprägten Führerkult um Otto Mühl. Das Leben der
Mitglieder war umfassend reglementiert, individuelle Freiheiten und
persönliche Grenzen wurden systematisch eingeschränkt. Gruppendruck,
psychische Manipulation, Demütigungen und Abhängigkeitsverhältnisse
prägten den Alltag. Besonders schwerwiegend waren die Isolation sowie
die sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen. 1991
wurde Otto Mühl unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs
Minderjähriger zu sieben Jahren Haft verurteilt.
Kinder, die in hochkontrollierenden Gemeinschaften aufwachsen,
können langfristige psychische, emotionale und soziale Schäden
davontragen. Insbesondere die Erfahrung von Angst, Gewalt,
Demütigung, strenger Kontrolle und fehlender Selbstbestimmung kann
ihre gesunde Entwicklung nachhaltig beeinträchtigen. Mögliche Folgen
sind Traumatisierungen, Ängste, Depressionen, ein geringes
Selbstwertgefühl sowie Schwierigkeiten, Vertrauen zu anderen Menschen
aufzubauen, persönliche Grenzen wahrzunehmen und selbstbestimmte
Entscheidungen zu treffen. Auch die Entwicklung einer eigenständigen
Identität und die Fähigkeit, tragfähige Beziehungen einzugehen,
können beeinträchtigt werden. Besonders schwerwiegend ist es, wenn
Kinder keine verlässlichen Bezugspersonen haben, die ihnen Schutz und
emotionale Sicherheit bieten, wie es auch in der Kommune Otto Mühls
der Fall war.
Zwtl.: Autoritäres Kontrollsystem durch Kunst legitimiert
In der aktuellen Debatte über den Umgang mit den Werken Otto
Mühls wird häufig zu wenig berücksichtigt, dass seine Kunst und sein
Status als anerkannter Künstler wesentlich zur Legitimation und
Aufrechterhaltung eines autoritären und missbräuchlichen
Kontrollsystems beigetragen haben. In der Kommune waren sämtliche
Mitglieder, auch Kinder und Jugendliche, in die künstlerischen
Prozesse eingebunden. Kunst und gemeinschaftliches Leben waren dabei
eng miteinander verflochten, sodass künstlerische Praktiken auch Teil
der bestehenden Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse waren. Unter dem
Deckmantel künstlerischer Freiheit konnten Machtmissbrauch, Gewalt
und schwerwiegende Grenzverletzungen, insbesondere gegenüber Kindern
und Jugendlichen, verschleiert und gerechtfertigt werden.
In einzelnen Beiträgen im Rahmen des gegenwärtigen öffentlichen
Diskurses über Otto Mühl werden das Leid der Betroffenen und die
Schwere der erlittenen Gewalt ausgeblendet oder sogar relativiert.
Für die Betroffenen kann dies eine schmerzhafte Wiederholung früherer
Erfahrungen bedeuten: dass ihr Leid nicht anerkannt, ihre
Wahrnehmungen infrage gestellt und ihre Stimmen nicht gehört werden.
Die aktuelle Diskussion ist daher keineswegs folgenlos. Sie kann alte
Verletzungen wieder aufbrechen lassen und wird von manchen
Betroffenen als retraumatisierend erlebt. So kann es auch Menschen,
die in anderen hochkontrollierenden Gemeinschaften ähnliche
Erfahrungen gemacht haben, ergehen.
Die öffentliche Auseinandersetzung bietet zugleich die
Gelegenheit, die Mechanismen von Macht und Abhängigkeit in
hochkontrollierenden Strukturen sowie die gesellschaftlichen
Bedingungen ihrer Entstehung und Aufrechterhaltung kritisch zu
hinterfragen. Eine umfassende Aufarbeitung erfordert dabei nicht nur
die Auseinandersetzung mit vergangenem Unrecht, sondern auch
gesellschaftliche Verantwortung im gegenwärtigen Umgang damit. Dazu
gehört, den Betroffenen zuzuhören, ihre Erfahrungen anzuerkennen und
ihre Perspektiven angemessen zu berücksichtigen. Wie eine
Gesellschaft über erlittenes Unrecht spricht und mit den Erfahrungen
der Betroffenen umgeht, ist selbst Ausdruck ihrer Bereitschaft,
Verantwortung zu übernehmen.
Diesen Themen widmet sich die Fachtagung der Bundesstelle für
Sektenfragen:
Das System Otto Mühl
Missbrauch und Kontrolle im Namen der Befreiung
13.11.2026, 09:00-17:30 Uhr
Ort: Europahaus, Linzer Straße 429, 1140 Wien
Links:
Programm und Anmeldung zur Tagung (Teilnahme kostenlos):
https://bundesstelle-sektenfragen.at/veranstaltungen/das-system-otto-
muehl/
Fachartikel Die „Mühl-Sekte“: Macht, Gewalt und Missbrauch im
Tätigkeitsbericht 2025 ab Seite 68:
https://bundesstelle-sektenfragen.at/wp-
content/uploads/Taetigkeitsbericht_2025.pdf
„Machtmissbrauch darf nicht einfach in Vergessenheit geraten. Wir
müssen den Betroffenen zuhören und alles tun, damit sich solche
Erfahrungen nicht wiederholen.“
Ulrike Schiesser, Geschäftsführerin der Bundesstelle für
Sektenfragen