Wenn Pflege zur Belastung wird – wer hilft den Helfenden?

Salzburg (OTS) – Sie pflegen, trösten, organisieren – oft rund um die
Uhr und meist im
Verborgenen: pflegende Angehörige. Sie sind das Rückgrat unseres
Pflegesystems, doch ihre Belastung ist enorm. Einige stehen kurz vor
dem körperlichen oder emotionalen Zusammenbruch – und wissen oft
nicht, wo sie Hilfe finden können. Christian Struber, Präsident des
Hilfswerk Salzburg, im Interview.

Herr Struber, was genau versteht man unter „pflegenden
Angehörigen“ – und wie viele Menschen betrifft das in Salzburg
eigentlich?
Christian Struber: „Im Bundesland Salzburg beziehen derzeit rund
26.000 Menschen Pflegegeld. Etwa 5.000 von ihnen leben in einem der
72 Alten- und Pflegeheime. Das bedeutet: Über 21.000 Menschen werden
zuhause betreut und gepflegt – meist von Angehörigen. Damit ist ganz
klar: Pflegende Angehörige sind eine tragende Säule in unserem
Pflegesystem. Deshalb ist es uns als Hilfswerk besonders wichtig,
diese Menschen zu unterstützen und zu begleiten.“

Wie sieht der Alltag dieser Menschen aus? Können Sie uns ein
Beispiel geben, was diese Aufgabe konkret bedeutet?
Christian Struber: „Der Alltag pflegender Angehöriger ist sehr
unterschiedlich – je nachdem, wie hoch der Pflegebedarf ist. Aber
eines ist immer gleich: Auch wenn professionelle Hilfe durch
Hauskrankenpflege oder Haushaltshilfe vorhanden ist, bleibt für die
Angehörigen oft viel zu tun. Es geht um ständige Begleitung,
emotionale Unterstützung, Organisation – und das jeden Tag. Umso
wichtiger sind Angebote zur Entlastung, wie etwa die Kurzzeitpflege.“

Pflege zu Hause ist eine große Verantwortung – körperlich und
emotional. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Belastungen für
Angehörige?
Christian Struber: „Aus meiner Erfahrung ist es besonders bei
demenziellen Erkrankungen sehr herausfordernd. Denn dabei verändert
sich der Mensch in seinem Verhalten, in seinen Antworten und
Reaktionen – manchmal so sehr, dass man das Gefühl hat, jemanden ganz
Neues vor sich zu haben. Das zu akzeptieren, ist für viele Angehörige
besonders schwer.“

Was sagen Ihnen die Betroffenen selbst – was beschäftigt sie am
meisten?
Christian Struber: „Die größte Sorge, die ich immer wieder höre, ist
die Angst vor Überforderung. Viele haben das Gefühl, irgendwann
körperlich oder emotional nicht mehr weiterzukönnen. Deshalb ist es
so wichtig, rechtzeitig über Entlastung zu sprechen – und konkrete
Hilfe anzubieten und anzunehmen, bevor es zu spät ist.“

Diese Unterstützung kostet natürlich Geld. Wie wird das alles
finanziert – und wo reichen öffentliche Mittel nicht aus?
Christian Struber: „Es gibt eine Vielzahl von Angeboten, die durch
öffentliche Mittel des Landes oder der Gemeinden unterstützt werden –
was sehr wichtig ist. Aber es gibt auch Bereiche, in denen wir auf
Spenden angewiesen sind, etwa bei „Essen auf Rädern“. Um die Kosten
für die Nutzer*innen niedrig zu halten, braucht es hier zusätzliches
Engagement aus der Bevölkerung.“

Wie wichtig sind Spenden für die Arbeit des Hilfswerks Salzburg –
und was passiert mit diesen Geldern konkret?
Christian Struber: „Spenden sind für uns unverzichtbar. Wir benötigen
jährlich rund 200.000 Euro, um Angebote wie „Essen auf Rädern“
aufrechtzuerhalten. Auch Projekte zur Unterstützung von
Alleinerzieher*innen in der Kinderbetreuung werden mit Spenden
finanziert. Jeder Euro hilft direkt Menschen in unserer Region – oft
dort, wo sonst niemand helfen kann.“

Was möchten Sie Menschen sagen, die selbst jemanden pflegen – und
sich vielleicht überfordert fühlen?
Christian Struber: „Suchen Sie sich frühzeitig Unterstützung! Viele
zögern lange – und holen Hilfe erst dann, wenn sie schon völlig
erschöpft sind. Es ist keine Schwäche, um Hilfe zu bitten. Ganz im
Gegenteil: Nur mit Begleitung und Entlastung kann es gelingen, die
Pflege langfristig zu Hause zu ermöglichen.“

Und an alle, die helfen möchten – was können diese konkret tun?
Christian Struber: „Wir erleben gerade eine Generation, die in
Pension geht und voller Energie steckt. Wenn es gelingt, diese
Menschen für freiwilliges Engagement zu begeistern, wäre das
großartig. Ob als Fahrer*in für „Essen auf Rädern“, im Besuchsdienst
in Pflegeheimen oder als Vorleser*in in den Tageszentren – es gibt
viele Möglichkeiten, sich sinnvoll einzubringen. Und das Schöne ist:
Man bekommt unglaublich viel zurück – an Freude, Dankbarkeit und
Menschlichkeit.“