Wien (OTS) – Der österreichische Bekleidungs- und Schuheinzelhandel
befindet sich
in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Eine Analyse des
Instituts für Österreichs Wirtschaft (iföw) im Auftrag des
Bundesgremiums Handel mit Mode und Freizeitartikeln der WKÖ zeigt
nun, wie sich der Strukturwandel beschleunigt. Steigende Miet- und
Personalkosten bei gleichzeitig fast stagnierenden Verkaufspreisen
belasten die Branche ebenso wie ein verzerrter Wettbewerb und
überholte Vororder-Modelle.
Modehandel in Österreich im Überblick
In Österreich waren 2023 laut Statistik Austria 45.657 Personen
im Modehandel beschäftigt, rund 83% im Bekleidungs- und 17% im
Schuhhandel. „Die Branche schrumpft strukturell. Die Zahl der
Unternehmen und Standorte sinkt, Teilzeitbeschäftigung nimmt
verhältnismäßig zu, und dies bei rückläufigen Beschäftigtenzahlen“,
so Studienautor Peter Voithofer vom iföw.
Modeausgaben steigen nominell, aber ihr Anteil an Konsumausgaben
sinkt
Ein Grund für diese Entwicklung ist ein verändertes
Konsumverhalten: Die nominellen Ausgaben für Mode steigen zwar in
absoluten Zahlen, ihr Anteil an den gesamten Konsumausgaben sinkt
aber kontinuierlich. Vor rund 30 Jahren entfielen noch 7,2% aller
Konsumausgaben auf Mode, zuletzt waren es nur noch 4,5% (Daten für
2024). Befeuert wurde dieser Trend durch die Pandemie und die jüngst
verzeichneten höheren Inflationsraten.
Online-Shopping im Alltag angekommen, auch bei den Älteren
Dazu kommt, dass der stationäre Handel mit zunehmender Online-
Konkurrenz zu kämpfen hat: Im Vorjahr kauften 49% der Konsumentinnen
und Konsumenten in Österreich zumindest gelegentlich Mode (also
Bekleidung und Schuhe) auch online ein, 2020 waren es 36%. Deutlich
ist dieser Trend nun auch bei den Älteren.
Gleichzeitig kämpfen österreichische Einzelhandelsunternehmen mit
neuen Online-Konkurrenten aus Asien, die mitunter zoll- und
steuerrechtliche Schlupflöcher nutzen und so den Wettbewerb
verzerren. Internationale Anbieter sind mittlerweile kein
Nischenphänomen mehr: Jede vierte Person in Österreich hat bereits
Mode bei den asiatischen Plattformen Temu und Shein gekauft.
Schließungen: Zahl der Modegeschäfte sinkt rapide
All diese Entwicklungen setzen dem stationären Modehandel kräftig
zu: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Modegeschäfte in
Österreich in den Städten bzw. Einkaufs- und Fachmarktzentren um 22%
auf 4.254 Standorte gesunken. Der Rückgang betrifft sowohl
Bekleidungsgeschäfte (minus 20%) als auch in noch stärkerem Ausmaß
den Schuhhandel (minus 34%).
„Der Modehandel in Österreich steht unter großem Druck“, betont
Günther Rossmanith, Obmann des Bundesgremium Handel mit Mode und
Freizeitartikeln in der Wirtschaftskammer Österreich: „Besonders
besorgniserregend ist, dass negative Tendenzen zuletzt sogar an
Dynamik gewonnen haben.“ Allein von 2023 bis 2025 sank die Anzahl der
Geschäfte um 7%. Davon sind aber nicht nur kleine Einzelhändler
betroffen: 68% der zwischen 2015 und 2025 geschlossenen Geschäfte
waren Filialen großer Modeketten.
Nachdem Modegeschäfte schließen, stehen Immobilien meist leer
Wenn ein Modehandelsunternehmen ein Geschäft aufgibt, bleiben
diese Flächen in 42% der Fälle leer. Meist handelt es sich um
sogenannten „harten Leerstand“, in dem es keine sichtbare Nachnutzung
gibt. „Vermieter erwarten bislang, dass bei jedem Mieterwechsel die
Einnahmen weiter, teilweise deutlich, steigen. Das ist aber
angesichts der Entwicklungen im Einzelhandel völlig unrealistisch“,
so Rossmanith. Die Immobilienbranche müsse die wirtschaftliche
Realität anerkennen, statt darauf zu pochen, übermäßig von steigenden
Mieteinnahmen zu profitieren.
Mehr Flexibilität von Modeindustrie gefordert
Mehr Flexibilität ist aber auch von der Modeindustrie gefordert.
Die Vororder-Logik, wonach Waren bis zu eineinhalb Jahre im Voraus
bestellt werden zu müssen, ist in einem volatilen Markt nicht mehr
zeitgemäß. „Dieses System erschwert, dass der Einzelhandel auf
kurzfristige Schwankungen in der Nachfrage reagiert“, erklärt
Rossmanith.
Inflation als Brandbeschleuniger im Modehandel
Insgesamt leidet der Modehandel massiv unter der Inflation der
letzten Jahre. Dadurch sind sämtliche Fixkosten massiv angestiegen,
während die erzielbaren Preise für Mode weiterhin relativ stabil
bleiben. „Dass die Kunden sparen, ist verständlich. Für den
Modehandel bedeutet das aber, dass steigende Kosten nur schwer
weitergegeben werden können“, erklärt Rossmanith.
Der Anpassungsdruck wird also auch in Zukunft hoch bleiben: „Im
realistischen Szenario gehen wir davon aus, dass die Branche kleiner
und konzentrierter wird“, so Studienautor Peter Voithofer vom iföw.
Es werde weiter sinkende Beschäftigtenzahlen und mehr Druck auf
regionale Standorte geben. Chancen hätten Unternehmen mit einer
gewissen Mindestbetriebsgröße und einer klaren Positionierung, die
auch online präsent sind und Mehrwert im Geschäft anbieten, etwa
durch herausragenden Service oder ein ganz besonderes
Einkaufserlebnis.
Temu, Shein & Co: Faire Wettbewerbsbedingungen gefordert
Aufgrund der äußerst schwierigen Rahmenbedingungen für den
österreichischen Modehandel richtet das Bundesgremium Modehandel in
der WKÖ einen dringenden Appell an die Politik, vor allem was die
neue Konkurrenz durch Portale wie Temu oder Shein betrifft. „Diese
Plattformen fluten Österreich mit Billigware. Jene meist asiatischen
Unternehmen, die ihre Waren dort anbieten, zahlen oft keine Zölle und
nehmen es mit Sicherheitsstandards nicht so genau. Dazu kommt, dass
deren Erträge nicht in Österreich versteuert werden, weshalb diese
Mittel in Österreich fehlen, etwa zur Finanzierung des Sozialstaats“,
erklärt der Gremialobmann. „Es braucht eine konsequente Durchsetzung
von Umwelt-, Sicherheits- und Ethikstandards. Unfaire Zoll- und
Steuervorteile für diese Anbieter müssen abgeschafft werden. Nur so
kann die Zukunft des seriösen Modehandels, der tausende Arbeitsplätze
in Österreich schafft, gesichert werden“, so Rossmanith. (PWK236/DFS)