Graz/Wien (OTS) – Sie sollten zur künftigen Elite des
Nationalsozialismus erzogen
werden: Buben und Mädchen ab zehn Jahren, die nach dem „Anschluss“
Österreichs an das Deutsche Reich eine sogenannte Napola (kurz für
Nationalpolitische Lehranstalt; auch bekannt als NPEA,
Nationalpolitische Erziehungsanstalt) besuchten. Neun solcher
Einrichtungen gab es zwischen 1939 und 1945 auf dem Gebiet des
heutigen Österreich.
Wie die Schüler:innen den Alltag in der Napola Traiskirchen
erlebten, erforscht Nadjeschda Stoffers von der Universität Graz in
Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut für
Kriegsfolgenforschung. Dazu sucht die Historikerin nach Personen, die
diese oder eine andere Napola auf dem Gebiet der damaligen „Ostmark“
besuchten oder die in ihren Familien Unterlagen dazu besitzen.
Zwtl.: Gesucht: Erinnerungen und Aufzeichnungen
Stoffers widmet sich unter anderem der Perspektive ehemaliger
Schüler:innen: „Wie erlebten sie die Aufnahmeprüfung und den
Internatsalltag? Welche Rolle spielten Konzepte wie Kameradschaft für
die Kinder und Jugendlichen? Wie gestaltete sich die
nationalsozialistische Erziehung und Ideologisierung in diesen
totalen Institutionen?“, so die Historikerin. Gesucht werden daher
Personen, die von ihren Erinnerungen an ihre Schulzeit erzählen
möchten. Zudem sind persönliche Bestände wie zum Beispiel Briefe,
Tagebücher, Fotos, Schulaufsätze oder Gegenstände besonders wertvoll
für die Erforschung der NS-Eliteschule.
Zwtl.: Strenger Alltag in NS-Kaderschmieden
Napolas galten als „Ausleseschulen“ und wurden im Deutschen Reich
schon im April 1933 gegründet. Zugelassen wurden nur jene Kinder, die
den rassistischen Kriterien des Regimes entsprachen und eine
mehrtägige Aufnahmeprüfung bestanden. Der Schulalltag war strikt
geregelt: Appell, Sport, Unterricht, vormilitärische Übungen,
Studierstunden und Arbeitseinsätze bestimmten den Tagesablauf.
Die Ausbildung war auf acht Jahre angelegt – in der „Ostmark“
bestand dieser Schultyp allerdings nur sechs Jahre, von 1939 bis zum
Kriegsende 1945. Im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten gab es
mehr als 40 Standorte, in der „Ostmark“ in Wien (Theresianum und
Breitensee), Niederösterreich (Göttweig und Traiskirchen), der
Steiermark (Seckau und Vorau), Kärnten (St. Paul im Lavanttal/
„Spanheim“) und Oberösterreich (Lambach) sowie in St. Veit an der
Save und Mokritz (Šentvid und Mokrice) im heutigen Slowenien. Die
reichsweit erste Napola für Mädchen eröffnete in Wien in der
Boerhaavegasse, wurde aber zeitnah nach Niederösterreich (
Hubertendorf und Türnitz) verlegt.
Wer eine Napola besucht hat oder in der Familie noch Briefe,
Tagebücher, Fotos, Schulhefte oder andere Erinnerungsstücke aus
dieser Zeit aufbewahrt und diese teilen möchte, wird gebeten, sich
bei Nadjeschda Stoffers zu melden. Jeder Hinweis kann dazu beitragen,
den Alltag an diesen NS-Eliteschulen besser zu verstehen.