Wien (OTS) – „Die heute veröffentlichten Zahlen sind ein Weckruf, der
uns zutiefst
besorgt: Die Schere zwischen Arm und Reich geht dramatisch auf und
das unterste Einkommensdrittel läuft Gefahr, den Anschluss jetzt
komplett zu verlieren. 1,7 Mio Menschen sind armuts- und
ausgrenzungsgefährdet. Das sind um 170.000 Menschen mehr als im
Vorjahr. Die heute veröffentlichten Zahlen bestätigen, was wir
täglich in unserer Arbeit erleben und worauf wir die letzten Monate
immer wieder hingewiesen haben. Dabei berücksichtigen sie weder die
zahlreichen Kürzungen der letzten Monate noch die nun geplanten
weiteren Einschnitte des nächsten Doppelbudgets ab 2027“, kommentiert
Caritas Österreich Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler .
„Die Bundesregierung muss ihren Kurs korrigieren. Es kann nicht
sein, dass bei den Menschen gekürzt wird, die bereits heute von Armut
betroffen sind oder drohen in diese hineinzurutschen. Es sind Kinder,
Frauen und Menschen mit niedrigem Einkommen. Das Sparen auf dem
Rücken der Ärmsten muss endlich aufhören. Die aktuellen Zahlen
belegen eindeutig, wer unseren Schutz am dringendsten braucht. Bei
diesen Gruppen weiter zu sparen, ist sozialpolitisch
unverantwortlich. Das Doppelbudget 2027/28 braucht eine
Kurskorrektur, die soziale Sicherheit garantiert, statt sie weiter zu
schwächen“, die Präsidentin weiter.
Kinder, Alleinerziehende und Mehrkindfamilien sind besonders
betroffen:
– Nach wie vor leben 261.000 Menschen in Österreich leben in
absoluter Armut . Das heißt, sie können sich das Nötigste nicht
leisten: Essen, Heizen und Miete. Vor der Krise waren es rund 60.000
Menschen weniger.
– Insgesamt ist die Zahl der armutsgefährdeten Kinder und
Jugendlichen von 295.000 auf 376.000 angestiegen (+5%).
– 41% aller Alleinerziehenden leben unter der
Armutsgefährdungsschwelle. Die Zahl ist von 96.000 auf 113.000
gestiegen.
– 35% der Familien mit drei oder mehr Kindern sind armutsgefährdet.
In dieser Gruppe ist ein deutlicher Anstieg in den letzten Jahren zu
beobachten.
– Menschen ohne Arbeit sind besonders von Armut betroffen.
Arbeitslose gehören zur Gruppe mit dem höchsten Armutsrisiko. Mehr
als die Hälfte der Langzeitarbeitslosen ist armutsgefährdet.
– Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind niedrige Einkommen nur halb
so stark gestiegen. Diese Haushalte verlieren den Anschluss.
Kein weiteres Sparen auf dem Rücken der Ärmsten. Höchste Zeit für
echte Reformen.
„Wir alle verstehen und unterstützen, dass Österreich sein Budget
konsolidieren muss. Aber eine Budgetsanierung darf niemals auf dem
Rücken der Ärmsten ausgetragen werden. Wir erkennen auch die
Bemühungen der Regierung an, die Teuerung abzufedern. Doch wie uns
die neuesten Armutszahlen zeigen, reichen diese bei weitem nicht aus.
Wir müssen Armut verhindern, bevor sie entsteht, und sie nachhaltig
zurückdrängen. Sie ist kein Schicksal, sondern die Folge von
ungerechten Strukturen“, fordert Tödtling-Musenbichler.
Um die Abwärtsspirale für von Armut betroffene und gefährdete
Menschen zu stoppen, fordert die Caritas drei zentrale
Reformschritte:
1. Schluss mit Sparen bei den Ärmsten und verpflichtender Armutscheck
bei allen weiteren Maßnahmen: Es braucht einen verpflichtenden
Armutscheck bei allen weiteren Maßnahmen insbesondere im Doppelbudget
27/28. Wir fordern, dass jede Budgetmaßnahme auf ihre Auswirkungen
auf armutsgefährdete und armutsbetroffene Gruppen geprüft und die
Belastung für diese Menschen reduziert wird.
2. Wir fordern eine Anpassung der Ausgleichszulage in Höhe der
Inflation: Die Gruppen, die ohnehin am wenigsten haben, müssen jetzt
geschützt werden – v.a. bei jetzt wieder steigender Inflation.
3. Wir brauchen eine Anpassung zentraler Sozial- und
Familienleistungen an die Inflation. Eine echte, armutsfeste
Valorisierung ermöglicht den Menschen in Not ein existenzsicherndes
Leben als letztes Sicherheitsnetz.
4. Kinder wirksam vor Armut schützen: Die Regierung hat sich zum Ziel
gesetzt, Kinderarmut zu halbieren. Stattdessen ist die
Armutsgefährdung von Kindern drastisch gestiegen. Besonders zentral
ist dabei das Versprechen einer Kindergrundsicherung. Dieses
Versprechen darf nicht gebrochen werden. In Österreich darf kein Kind
in Armut aufwachsen. Der geplante Unterhaltsfonds muss ausgeweitet,
rasch umgesetzt und zu einer Unterhaltsgarantie werden.
„Angesichts der neuesten EU-SILC-Armutszahlen und des
Doppelbudgets 2027/28 brauchen wir endlich echte Reformen. Wir
brauchen einen armutsfesten Sozialstaat! Dabei geht es nicht um
Almosen, sondern um kluge Investitionen in unsere Zukunft“,
appelliert Tödtling-Musenbichler abschließend.