Wien (OTS) – Albanien war lange Zeit ein weißer Fleck auf der
Landkarte Europas.
Die jahrzehntelange Abschottung hatte eine unerwartete Folge: Natur-
und Lebensräume blieben weitgehend erhalten. Ein unbekanntes Land,
wie es in unserer globalen und industrialisierten Welt kaum noch zu
finden ist. Die neue „Universum“-Dokumentation „Die Vjosa – Albaniens
ungezähmter Fluss“ zeigt am Dienstag, dem 13. Oktober 2026, um 20.15
Uhr in ORF 2 und auf ORF ON verborgene Flusslandschaften und
außergewöhnliches Tierverhalten. Der Film von Michael und Rita
Schlamberger – eine Koproduktion von ScienceVision, ARTE und ORF in
Zusammenarbeit mit ORF-Enterprise und mit Unterstützung des
Fernsehfonds Austria – führt zu einem der letzten frei fließenden
Flüsse Europas, dessen Bedeutung weit über die Grenzen Albaniens
hinausgeht.
Die Vjosa entspringt in den schroffen Gipfeln des griechischen
Pindos-Gebirges. Von dort durchquert sie auf knapp 300 Kilometern
tiefe Schluchten, ursprüngliche Bergwälder und weite Täler, verzweigt
sich in zahlreiche Seitenarme und formt immer wieder ausgedehnte Kies
– und Sandbänke, bevor sie an der albanischen Adriaküste ins Meer
fließt. Während die meisten großen Flüsse in Europa begradigt,
verbaut oder durch Staudämme unterbrochen sind, kann sich die Vjosa
frei entfalten. Hochwasser verlagert Sedimente und lässt neue Inseln,
Steilwände, Auwälder und Altarme entstehen. Es ist ein ständiger
Wechsel. Der Fluss bildet ein Mosaik aus Lebensräumen – ein Refugium
für zahlreiche Tierarten, die anderswo bereits verschwunden sind.
Im Oberlauf begleitet der Film den eindrucksvollen Laichzug der
Nasen. Zu Tausenden wandern die Fische im Frühjahr flussaufwärts, um
im flachen, stark durchströmten Wasser auf grobem Kies abzulaichen.
In vielen europäischen Flüssen verhindern Dämme solche Wanderungen.
Freifließend transportiert die Vjosa Gestein von den Bergen talwärts
und zerkleinert es zu Kies und Sand. Lebensräume verändern sich und
entstehen neu. Fischotter, Wildschweine, Graureiher, Rohrweihen oder
Zwergmäuse finden hier Nahrung, Schutz und Brutgebiete.
Breite Schotterflächen prägen den Mittellauf. Triel und
Flussregenpfeifer legen hier ihre Eier ab. Nicht in einem Nest,
sondern in Mulden direkt auf den Steinen. Über ihnen kreisen die
letzten albanischen Schmutzgeier. Giftköder, Abschüsse und
Stromleitungen haben ihre Bestände dramatisch reduziert. An
Steilufern graben Uferschwalben meterlange Brutröhren in die Erde
entlang der Vjosa. Unter der Wasseroberfläche filtern
Kriebelmückenlarven Schwebstoffe aus der Strömung, während
Eintagsfliegenlarven mehrere Jahre am Gewässergrund verbringen.
Kurz vor der Mündung in die Adria treffen Süß- und Salzwasser im
Delta aufeinander. Für zahlreiche Zugvögel ist dieses Gebiet ein
wichtiger Rastplatz auf ihren kräfteraubenden Flügen zwischen Europa
und Afrika. Doch dieses einzigartige Flusssystem wäre beinahe
verloren gegangen. 2011 wurden Pläne für zahlreiche Wasserkraftwerke
bekannt. Die Stauseen hätten landwirtschaftliche Flächen, ganze
Dörfer und die Lebensräume der Tier- und Pflanzenwelt überflutet.
Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung organisierten
Naturschutzverbände internationalen Widerstand. Im letzten Moment
konnten die Kraftwerksprojekte gestoppt werden.
2023 erklärte die albanische Regierung die Vjosa zum ersten
Wildfluss-Nationalpark Europas. Damit wurde erstmals ein großes
Flusssystem mitsamt wichtigen Zuflüssen unter Schutz gestellt – ein
Meilenstein des europäischen Naturschutzes und ein mögliches Vorbild
für andere Flusslandschaften.
Einer, der mitgeholfen hat, das zu ermöglichen, ist der
Flussschützer Ulrich Eichelmann: „Das hier ist einer der großen
Naturschutz-Erfolge der letzten Jahrzehnte in Europa und sicher auch
einer der größten weltweit: dass hier ein ganzes Flusssystem
geschützt worden ist. Wir wollen dies als Vorbild nehmen, um auch
andere große Flusslandschaften in ihrer Gesamtheit zu schützen. Wir
wollen, dass die Vjosa ein Vorbild für ganz Europa wird. Wir wollen,
dass die Balkanflüsse erhalten bleiben, geschützt bleiben, die eine
Botschaft an uns andere Europäer senden.“ Doch der Schutzstatus
allein bedeutet noch keine endgültige Sicherheit. Müll an den Ufern,
Wasserentnahmen, touristische Infrastruktur und große Bauprojekte im
Delta setzen das Ökosystem weiterhin unter Druck.
Die Dokumentation „Die Vjosa – Albaniens ungezähmter Fluss“
zeigt, dass ein Fluss mehr als nur fließendes Wasser ist, sondern ein
vielfältiges Ökosystem: ständig in Bewegung, voller überraschender
Beziehungen und Lebensgrundlage für die Menschen an seinen Ufern.
Zugleich stellt die Dokumentation eine zentrale Frage: Kann es
gelingen, Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung so miteinander
in Einklang zu bringen, dass Europas letzter großer Wildfluss auch
für kommende Generationen frei fließen kann?