Wien (OTS) – Ende August und Anfang September lädt Wiener Wohnen zu
vier
kostenlosen Stadtrundgängen durch ausgewählte Gemeindebauten ein. Die
Touren führen durch die Leopoldstadt, die Josefstadt und Neubau,
Meidling sowie die Donaustadt. An konkreten Orten machen sie die
Schicksale vertriebener und verfolgter Gemeindebaubewohner*innen
während der NS-Zeit sichtbar.
Die 2025 im Rahmen des Erinnerungsprojekts „Der Gemeindebau in
der NS-Zeit“ gestarteten Rundgänge stießen auf außergewöhnlich großes
Interesse: Rund 850 Wiener*innen nahmen im Vorjahr an den Touren
teil. Nun wird das Vermittlungsangebot mit vier weiteren Terminen
fortgesetzt. Erstmals führt ein Rundgang auch durch den 12. Bezirk.
„Die Gemeindebauten sind ein wichtiger Teil der Geschichte
unserer Stadt – auch ihrer dunkelsten Kapitel. Die Rundgänge machen
sichtbar, was Verfolgung und Entrechtung für konkrete Menschen und
Familien bedeutet haben. Gerade an den Orten, an denen sie gelebt
haben, wird Geschichte greifbar. Dieses Wissen zu bewahren und an
kommende Generationen als Mahnung weiterzugeben, ist ein wichtiger
Auftrag für Wien“, betont Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch.
Die Podcasterin und Buchautorin Evelyn Steinthaler führt die
Teilnehmer*innen zu ausgewählten Wohnhausanlagen und erzählt von den
Menschen, die dort lebten: von jüdischen Mieter*innen, die nach dem
sogenannten „Anschluss“ aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, von
Flucht und Deportation, aber auch von Widerstand im Gemeindebau,
Austrofaschismus und dem Umgang mit „arisiertem“ jüdischem Eigentum
nach 1945.
„Das große Interesse an den bisherigen Rundgängen zeigt, dass
viele Wiener*innen mehr über die Geschichte ihres Grätzls und ihrer
Gemeindebauten erfahren wollen. Mit den vier neuen Terminen führen
wir dieses erfolgreiche Angebot fort und nehmen erstmals auch
Meidling in das Programm auf. Ich lade alle Interessierten ein,
mitzugehen und den Spuren der vertriebenen und verfolgten Bewohner*
innen zu folgen“, so Wiener Wohnen-Interims-Direktorin Katharina
Klement.
Rundgänge im Überblick
7. und 8. Bezirk: Erich Lessing, „arisiertes“ Eigentum und
kommunaler Wohnbau in der NS-Zeit
Montag, 31. August 2026, 17 Uhr
Der Rundgang durch die Josefstadt und Neubau erzählt unter
anderem vom jungen Erich Lessing und seiner Mutter Margit, die bis
1938 im Ludo-Hartmann-Hof lebten. Weitere Themen sind ein während der
NS-Zeit errichteter Gemeindebau sowie der Umgang mit „arisiertem“
jüdischem Eigentum nach 1945.
Treffpunkt: Therese-Schlesinger-Hof, vor dem Eingang
Schlösselgasse 14
22. Bezirk: Der Goethehof zwischen Austrofaschismus und NS-Terror
Mittwoch, 2. September 2026, 17 Uhr
Die Tour durch die Donaustadt führt unter anderem zum Goethehof,
dessen Geschichte eng mit den Ereignissen des Austrofaschismus und
des nationalsozialistischen Terrors verbunden ist. Erzählt wird auch
von jüdischen Wiener*innen, die nach dem sogenannten „Anschluss“ aus
den Gemeindebauten des Bezirks delogiert wurden.
Treffpunkt: Wohnhausanlage Meißnergasse 4–6, rechts vom
Hofeingang
12. Bezirk – neu: Jüdisches Leben, Bürgerkrieg und Widerstand in
Meidling
Freitag, 4. September 2026, 17 Uhr
Der erstmals angebotene Rundgang durch Meidling erinnert an die
Schicksale jüdischer Gemeindebaubewohner*innen und an den Bildhauer
Siegfried Charoux, dessen Schaffen mit einem Meidlinger Gemeindebau
verbunden war. Weitere Stationen widmen sich dem Bürgerkrieg 1934 und
dem Widerstandskämpfer Fritz Pollak.
Treffpunkt: vor dem Eingang der VHS Meidling, Längenfeldgasse 13
–15, gegenüber dem Lorenshof
2. Bezirk: Delogierung, Widerstand, Emigration und Deportation
Samstag, 5. September 2026, 14 Uhr
Der Spaziergang durch die Leopoldstadt schildert die Delogierung
jüdischer Wiener*innen aus Gemeindebauten und berichtet von der
Emigration Stella Klein-Löws. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den
Deportationen vormaliger Bewohner*innen der Wiener Gemeindebauten.
Treffpunkt: Wohnhausanlage Obere Augartenstraße 12a, vor dem
Grünstreifen
Teilnahme und Anmeldung
Die Rundgänge dauern jeweils rund eineinhalb bis zwei Stunden,
sind kostenlos und auch für Teilnehmer*innen mit eingeschränkter
Mobilität barrierefrei. Treffpunkt ist jeweils zehn Minuten vor
Beginn. Die Führungen finden grundsätzlich bei jedem Wetter statt.
Die Zahl der Teilnehmer*innen ist auf maximal 20 Personen pro
Rundgang begrenzt.
Um Anmeldung spätestens eine Woche vor dem jeweiligen Termin wird
ersucht:
– unter der Wiener Wohnen Service-Nummer 05 75 75 75
– per E-Mail an [email protected]
Weitere Informationen zu den Routen und zur Anmeldung finden sich
unter:
https://nievergessen.wienerwohnen.at/stadtfuehrungen-2026-1
Hintergrund: „Der Gemeindebau in der NS-Zeit“
Mit Beschluss vom 14. Juni 1938 begann die nationalsozialistische
Stadtverwaltung mit der systematischen Vertreibung jüdischer Mieter*
innen aus den Wiener Gemeindebauten. Hinter den erhaltenen Akten und
Delogierungsvermerken stehen die Schicksale von Menschen, die ihre
Wohnungen und ihre Heimat verloren. Vielen gelang die Flucht nicht;
sie wurden deportiert und ermordet.
Grundlage des Erinnerungsprojekts „Der Gemeindebau in der NS-
Zeit“ ist eine umfassende Forschungsarbeit des Dokumentationsarchivs
des österreichischen Widerstandes im Auftrag von Wiener Wohnen. Die
Studie wurde zwischen 2022 und 2025 durchgeführt. Neben der
wissenschaftlichen Aufarbeitung umfasst das Projekt Publikationen,
Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen, digitale Vermittlungsangebote
und geführte Stadtrundgänge.
Ausführliche Informationen sowie zahlreiche Lebensgeschichten
verfolgter und vertriebener Gemeindebaumieter*innen sind unter
nievergessen.wienerwohnen.at abrufbar.